Entwicklungstheorien

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Der folgende Beitrag liefert eine Übersicht zu Theorien der kognitiven Entwicklung bieten. Es wird zu Beginn der Nutzen von Theorien beschrieben. Anschließend werden 4 Theorien in Kürze vorgestellt: die Theorie der kognitiven Entwicklung von Piaget, die Informationsverarbeitungstheorie, die Sozio- Kulturelle Theorie und die Theorie des Kernwissens. Zu jeder Theorie werden mögliche Implikationen für den Vor- bzw. Grundschulunterricht abgeleitet.

Nutzen von Entwicklungstheorien

1. Theorien bieten einen Rahmen, in den wichtige Phänomene eingeordnet, strukturiert und somit besser verstanden werden.

2. Theorien motivieren neue Forschungen.

3. Entwicklungstheorien werfen wichtige Fragen über das Wesen des Menschen auf

Aktuelle Entwicklungstheorien

Aktuelle Theorien beschäftigen sich entweder mit der kognitiven oder der sozialen Entwicklung.

Die Aspekte mit denen sich kognitive Entwicklungstheorien beschäftigen sind unter Anderen die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Sprache, Problemlösen, logisches Denken, Gedächtnis, Verstehen von Begriffen, etc. .

Die Aspekte mit denen sich soziale Entwicklungstheorien beschäftigen sind unter Anderen Emotionen, Persönlichkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen und Familienmitgliedern, Selbstverständnis, Aggression, moralisches Verständnis, Verhalten, etc. .

Folgend werden die 4 gängigsten Theorien zur kognitiven Entwicklung bei Kindern dargelegt. Aufgrund der Komplexität der kognitiven Entwicklung sind alle Theorien gleichermaßen bedeutsam, weil sie sich mit unterschiedlichen Aspekten beschäftigen und sich damit gegenseitig ergänzen.


Piaget's Theorie

Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung des Kindes ist eine der umfassendsten Theorien. Sie betrachtet die Entwicklung von Kindheit bis ins Jugendalter und untersucht unterschiedlichste Inhaltsbereiche. Sie basiert auf spannenden Beobachtungen, berücksichtigt die Anlage – Umwelt- Interaktion und geht von kontinuierlichen und diskontinuierlichen Entwicklungsprozessen aus.

Piaget betrachtet die Kinder als aktive Konstrukteure von Wissen, weil sie dies als Reaktiv auf ihre Erfahrungen mit der Umwelt aktiv konstruieren- auch ohne Instruktion und Belohnung durch Erwachsene. Sein Ansatz wird deshalb oft als konstruktivistisch bezeichnet. Die 3 Schritte zur Konstruktion von Wissen sind:

1. Hypothese aufstellen

2. Durchführen von Experimenten

3. Ziehen von Schlussfolgerungen


Zentrale Entwicklungsfragen.

Die kognitive Entwicklung ist das Resultat einer Anlage-Umwelt Interaktion. Die Umwelt ist gekennzeichnet durch jegliche Erfahrungen. Die Anlage beinhaltet körperliche Fähigkeiten und die Motivation zu 2 Funktionen, die für die kognitive Entwicklung wichtig sind: Eine Funktion ist die der Adaptation. Diese beschreibt die Tendenz, auf die Anforderungen der Umwelt so zu reagieren, wie es den eigenen Zielen entspricht. Die andere Funktion ist die Strukturierung. Sie beinhaltet die Tendenz, einzelne Beobachtungen in kohärente Wissensstrukturen zu integrieren.


Die Kontinuität der Entwicklung ist durch 3 Prozesse gekennzeichnet, die die Entwicklung von Geburt an vorantreiben.

1. Assimilation. Ein Prozess, durch den Menschen eintreffende Informationen in bereits vorhanden Wissensstrukturen einfügen.

2. Akkommodation. Ein Prozess durch den Menschen vorhandene Wissensstrukturen als Reaktion auf neue Erfahrungen anpassen.

3. Äquilibration. Ein Prozess, durch den Menschen Assimilation und Akkommodation ausbalancieren, um stabiles Verhalten zu schaffen


Die Diskontinuität in der Entwicklung ist gekennzeichnet durch Entwicklungsstufen, die sich qualitativ voneinander unterscheiden. Die Merkmale der Stufentheorie sind:

1. Qualitative Veränderung. In jeder Stufe gibt es eine eigene Art und Weise Erfahrungen zu verstehen.

2. Breite Anwendbarkeit: Die Merkmale, die in einer Stufe typisch sind, prägen das gesamte Denken des Kindes.

3. Kurze Übergangszeiten. Der Übergang von einer Stufe erfolgt zwar sprunghaft/kontinuierlich. Dennoch gibt es kurze Phasen in denen das Kind zwischen 2 Stufen hin und her schwankt.

4. Invariante Abfolge. Alle Menschen durchlaufen vorwärtsgerichtet alle Stufen in derselben Reihenfolge.


Die 4 Entwicklungsstufen.

Im sensumotorschen Stadium (Geburt bis 2 Jahre) kommt die Intelligenz durch motorische und sensorische Fähigkeiten zum Ausdruck. Kennzeichnend für diese Stufe ist die Beobachtung, dass Kinder unter 8 Monate keine Objektpermanenz besitzen.

Im vor- operatorischen Stadium (2- 7 Jahre) werden Kinder fähig, ihre Erfahrungen in Form von Sprache, geistigen Vorstellungen und symbolischen Denken zu repräsentieren (Zum Beispiel benutzen Kinder eine Banane als Pistole.) Durch diese Fähigkeit können sie Erfahrungen über längere Zeit erinnern und Konzepte bilden. Gekennzeichnet ist die Phase durch den Egozentrismus und die Zentrierung.

Im konkret- operatorischen Stadium (7-12 Jahre) können Kinder über konkrete Ereignisse logisch nachdenken. Kennzeichnend für diese Stufe ist die die Aneignung des Invarianzkonzeptes.

Im Formal- operatorischen Stadium (ab 12 Jahren) können Kinder über Abstraktionen und hypothetische Situationen nachdenken.


Kritik an Piaget.

Das Stufenmodel stellt das Denken von Kindern konsistenter dar als es ist. Zum Beispiel bewältigen Kinder das Invarianzkonzept bei Aufgaben zur Zahl früher als bei Aufgaben zu fester Masse. Säuglinge und Kleinkinder sind kognitiv kompetenter als Piaget dachte. So haben bereits Kinder bereits im Alter von weniger als 3 Monaten eine Vorstellung von Objektpermanenz, wenn man als Indikator für diese Fähigkeit nicht das Greifen nach dem verschwundenen Objekt sondern den Blick in Richtung des verschwundenen Objektes heranzieht. Piagets Theorie schätzt den Beitrag der sozialen Welt zur kognitiven Entwicklung zu gering. Piagets Theorie bleibt unscharf hinsichtlich der kognitiven Prozesse, die das Denken des Kindes verursachen, und der Mechanismen, die kognitives Wachstum hervorrufen. Er trifft wenig Aussagen, warum Kinder auf eine bestimmte Art denken bzw. es nicht tun.


Mögliche Implikationen für den Grundschulunterricht.

Unabhängig von Vorschule wird jedes Kind jede Stufe erreichen.

Frühförderung kann nur im Rahmen der jeweiligen Stufe stattfinden.

Vorschulunterricht ohne mathematische Operationen, da in 2. Phase noch keine Vorstellung vom Zahlbegriff besteht.

Vorschulkinder können nur begrenzt sozial lernen, weil ihnen die Fähigkeit zur Perspektivübernahme fehlt.

Theorien der Informationsverarbeitung

Diese Theorien betrachten die Entwicklung des Kindes als kontinuierliche kognitive Veränderungen. Das heißt, die Entwicklung findet in stetigen und in kleinen Schritten statt. Informationsverarbeitungstheorien betrachten das Kind als Problemlöser. Das heißt Kinder verfolgen Ziele und nutzen Strategien, wenn ein Hindernis auftritt. Der Prozess des Problemlösens ist gekennzeichnet durch das Planen und das analoge Schließen

Informationsverarbeitungsstrategien beschäftigen sich insbesondere damit, wie - Anlage und Umwelt miteinander interagieren und - Veränderungen eintreten.


Zu den Quellen der Entwicklung und des Lernens gehören die Basisprozesse, Strategien und Inhaltswissen.

Die Basisprozesse sind die am häufigsten eingesetzten geistigen Aktivitäten. Dazu zählen die Assoziation von Ereignissen, das Wiedererkennen bekannter Objekte, das Verallgemeinern bekannter Objekte auf ein anderes und die Enkodierung.

Strategien wie das Rehearsal, selektive Aufmerksamkeit und das Verwendungsdefizit (das Phänomen, das die anfängliche Nutzung von Strategien noch keine Leistungssteigerung nach sich zieht wie der spätere Einsatz) werden im Laufe der Entwicklung erworben. Sind diese gut geübt, können sie die Basisprozesse als auch die Aneignung des Inhaltswissens beschleunigen.

Das Inhaltswissen ist Wissen über Fakten. Bereits vorhandenes Wissen erleichtert das Erlernen neuen Wissens, weil es Anknüpfungspunkte für neues Wissen darstellt.

Es gibt alternative Informationsverarbeitungsstrategien, denn Theorien sind nie ein Endprodukt sondern können sich stetig modifizieren. Alternativen sind die Konnektionistische Theorie, die Theorie dynamischer Systeme und die Theorie überlappender Wellen.

Eine mögliche Implikation für den Grundschulunterricht wäre, die Kinder im Vorschulunterricht auf einen vergleichbaren Wissensstand zu bringen, wenn man davon ausgeht, dass Vorwissen das Erlenen von neuen Inhalten erleichtert.


Theorien des Kernwissens

Die Theorien des Kernwissens gehen davon aus, dass Kinder in evolutionär relevanten Bereichen zu Denkleistungen in der Lage sind, die weit über das hinaus gehen, was nach der Theorie von Piaget möglich ist. Dies steigert die Chance sich sicher und risikoärmer durch die Welt zu bewegen. Zu diesen Bereichen zählen zum Beispiel das Erlernen von Sprache, das Zurechtfinden in einer Umgebung und die Identifikation von Gesichtern.


Der größte Unterschied zu Piaget und Theorie des Informationsverarbeitungsansatz besteht darin, dass erstere annehmen, dass Kinder mit allgemeinen Lernfähigkeiten ausgestattet sind, während die Theorie des Kernwissens vermutet, dass Kinder über spezialisierte Lernfähigkeiten verfügen.

Beispiel: Kinder lernen implizit die komplizierte Kerngrammatik ihrer Sprache. Demgegenüber ist der Erwerb anderer komplizierter Regelsysteme wie Rechtschreibung oder Algebra mit viel Mühe verbunden.

Mögliche Implikationen für den Grundschulunterricht wären, dass auf der Grundlage dieses universell verfügbaren Wissens mathematische und physikalische Konzepte aufgebaut werden können, die später als Basis für das in der Schule zu vermittelnde Wissen dienen können


Soziokulturelle Theorien

Sozio-kulturelle Theorien betonen den Beitrag anderer Menschen und der umgebenden Kultur zur Entwicklung von Kindern. Einer der bedeutendsten Vertreter ist Wygotski.

Wygotski geht davon aus, dass sich das Denken der Kinder quantitativ und kontinuierlich entwickelt, in dem sie an sozialen Aktivitäten im kulturellen Kontext beteiligt sind.

Die Kinder werden als Lehrende und Lernende betrachtet. Erwachsene vermitteln Fakten, Fähigkeiten, Werte und Traditionen an ihren Nachwuchs. Aber auch die Kinder wollen ihr Wissen weitergeben. Entdeckt der Nachwuchs etwas Interessantes in der Umgebung, gibt er es mit Interesse weiter und macht seine Mitmenschen aufmerksam.

Kinder sind Produkt ihrer Kultur. Kinder entwickeln sich in Abhängigkeit davon, welche Kulturwerkzeuge, wie Symbolsysteme, Artefakte und Werte, für sie verfügbar sind. Dementsprechend entwickeln sich Kinder unterschiedlicher Kulturen auf verschiede Weise.

Zentrale Entwicklungsfragen sind die Mechanismen der entwicklungsbedingten Veränderungen. Beispiele für solche Mechanismen sind die gelenkte Partizipation, die Intersubjektivität, die soziale Stützung und die Zone der proximalen Entwicklung.


Mögliche Implikationen für den Grundschulunterricht wären, Kinder durch Interaktion lernen zu lassen. Kinder lernen und lehren, weshalb sich gemeinschaftliches Lernen empfiehlt. Der Lehrer unterstützt die Kinder in Bereichen, die geringfügig über dem Niveau sind, dass die Kinder ohne den Lehrer bewältigen könnten. Zum Beispiel durch die Vorgabe der Ziele von Aufgaben, das Aufzeigen möglicher Lösungswege, Hilfestellung beim schwierigsten Teil der Aufgabe etc. .

Literatur

Siegler, R. S., DeLoache, J. S., Eisenberg, N. (2005): Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter. Theorien der kognitiven Entwicklung, 177-239. Heidelberg: Spektrum Verlag

Schrader, F.-W, Helmke, A. & Hosenfeld, I. (2008). Stichwort: Kompetenzentwicklung im Grundschulalter. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 11 (1), 7-29.

Wikipedia- Jean Piaget [1]