Morgenkreis (2)

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Der folgende Morgenkreis wurde 2008 in einer zweiten Klasse einer Grundschule im Raum Frankfurt aufgezeichnet. In der Klasse gab es 9 Mädchen und 12 Jungen. Der Unterricht begann mit einem Morgenlied, danach erfolgte der Sitzkreis.Die Schüler berichten von ihren Wochenenden. Wer die Muschel hat, darf berichten; jeder der will und sich meldet, darf sprechen. Zu den einzelnen Erzählungen sollen Fragen formuliert werden, die der Sprecher beantworten soll.Laura ist die Erste, die sich meldet und auch die Erste, die drankommt. Sie berichtet chronologisch von Ihrem Wochenende (erst Freitag, dann Samstag, zuletzt Sonntag). Sie war draußen, Fahrrad fahren, grillen, Minigolf spielen und auf dem Spielplatz. Sobald Laura ihren Bericht vom Wochenende mit “Und das war´s” beendet, melden sich schon einige Schüler. Man hat den Eindruck, dass die Schüler nicht über ihre Fragen nachdenken, sondern sich sofort melden, weil sie wissen, dass sie jetzt Fragen stellen müssen. Die darauf folgende Frage von Christo ”Hast du gegrillt?” ist jedoch berechtigt, da Laura ”.. hab ich gegrillt..” gesagt hatte. Mit dem hervorheben des ”du” in der von Christo gestellten Frage wird die Verwunderung Christos deutlich. Er fragt also wirklich etwas, was er wissen möchte. Daraufhin macht sich Laura jedoch lustig über die Frage und lacht “Neiiin, mein Papaaa!” Es ist selbstverständlich für Laura, dass Väter, oder Erwachsene, grillen und Kinder nicht. Daraufhin beginnt ein kurzes Gemurmel in der Klasse. Nicht jeder scheint mit der Selbstverständlichkeit Lauras, dass kein Kind grillt, einverstanden zu sein. Vermutlich haben einige Kinder aus der Klasse schon mal den Eltern beim Grillen geholfen und das Fleisch auf dem Grill gewendet. Lauras Nachbarin stellt leise und unverständlich eine Frage. Sie scheint von Lauras Dominanz eingeschüchtert zu sein, fragt aber trotzdem. Die Frage interessiert sie wirklich, da sie nicht laut und deutlich in die Klasse hineinfragt; was eigentlich die Aufgabe der Klasse in diesem Morgenkreis ist; sondern Laura direkt fragt. Man kann vermuten, dass sie fragt, wie denn Laura auf dem Balkon gegrillt hat, da Laura auf die Frage “mit Elektrogrill” antwortet. Nachdem die Nachbarin den Dialog mit Laura mit einem “Achso” beendet, beendet auch die Lehrerin Lauras Bericht von ihrem Wochenende, obwohl sich weitere Schüler melden und Laura Fragen stellen möchten (oder müssen?). Das höfliche “Dankeschön Laura” heißt somit: “Lauras Bericht ist nun zu Ende und alle können jetzt ihre Arme herunternehmen”. Die Lehrerin möchte möglicherweise, dass alle Kinder im Sitzkreis einmal von Ihrem Wochenende berichten und achtet auf die gleichmäßige Verteilung der Redezeit. Laura weiß nun, dass sie aufstehen und sich jemanden aussuchen muss, der als nächstes von seinem Wochenende berichtet. Sie hält die Muschel in der Hand, überlegt, wem sie sie übergeben soll und sucht sich Basti aus. Hier werden Regeln deutlich: Wer die Muschel hält, erzählt vom Wochenende, Schüler stellen Fragen, aber nur diejenigen, die vom Sprecher drangenommen werden. Der Erzähler ruft die Kinder auf, nicht die Lehrerin. Allerdings beendet die Lehrerin jeweils einen Bericht und der Sprecher übergibt die Muschel an einen anderen Schüler. Die Regeln werden von den Schülern eingehalten. Nun beginnt Basti mit seinem Wochenendbericht. Obwohl er sich vorher gemeldet hat, wird deutlich, dass er sich nicht überlegt hat, was er von seinem Wochenende berichten soll, denn er spricht zu Beginn ein langes “aaaam Freitag” aus, erzählt dann, was er bei seiner Oma gemacht hat und geht zum Samstag über. Er überlegt, während er “aaam” sagt, was er erzählen soll und erzählt vom Grillen. Denn auch Basti hat an diesem Tag gegrillt (wie auch Laura). Danach hätte Basti fast “gestern” gesagt und wollte schon zum Sonntag übergehen, jedoch spricht er nur “ges...” aus und bleibt doch noch beim Samstag, denn er durfte nicht vergessen zu erwähnen, dass er sich am Samstag verletzt hat. Schließlich geht er zum Sonntag über und auch an diesem Tag hat sich Basti verletzt. Hier wird auch deutlich, dass die Lehrerin den Schülern vorgegeben hat, chronologisch von ihren Wochenenden zu berichten, denn als Basti fast zum Sonntag übergegangen wäre, hat er schnell noch was zum Samstag hinzugefügt und ist erst dann zum Sonntag übergegangen. Das Gefühl von einem lockeren Morgenkreis geht verloren, denn die Klasse kann nicht nach Lust und Laune vom Wochenende berichten, sondern muss auch darauf achten, bestimmte Regeln einzuhalten. Es stellt sich hier auch die Frage, ob die Schüler gegenseitig die Wochenendberichte übernehmen, da Basti zufällig wie Laura am Samstag gerillt hat. Außerdem hat sich Basti gleich an zwei Tagen verletzt. Es könnte sein, dass Basti Aufmerksamkeit, Mitleid und Anerkennung erzielen will. Nachdem Basti Jenny drannimmt, weil sie etwas fragen möchte, könnte man vermuten, dass Jenny “wo hast du dich verletzt?” oder “wie hast du dich verletzt” fragen würde. Jenny jedoch fragt: “was hast du gemalt”? Basti lenkt aber das Thema ganz geschickt wieder zu seiner Verletzung und sagt, dass er etwas ausgemalt hat, nämlich ein Krankenhaus. Seltsamerweise springen die Schüler diesmal auf das Thema ein und fragen ihn verwundert fast im Chor, was denn passiert sei, obwohl er nur gesagt hat, dass er ein Krankenhaus gemalt hat. Er selbst war nicht im Krankenhaus. Die Schüler fragten nicht, was passiert ist, nachdem Basti gesagt hatte, dass er sich verletzt hat, sondern erst nachdem er gesagt hatte, dass er ein Krankenhaus gemalt hat. Hier wird deutlich, dass die Schüler wissen, dass Basti über seine Verletzung sprechen möchte, denn ein Krankenhaus zu malen muss nichts mit Bastis Verletzung zu tun haben. Die Schüler haben wohl erkannt, dass sie die Frage nach der Verletzung stellen müssen. Nachdem Basti bekannt gibt, wo er sich verletzt hat, “einmal hab ich mich hier verletzt und einmal gestern am Knie”, spricht auch schon die Lehrerin und beendet höflich mit einem “Danke Basti” seinen Bericht. Er hätte vielleicht gerne noch erzählt, wie seine Verletzungen entstanden sind, ob es weh getan hat und was er danach getan hat. Als nächstes ist Chrisi an der Reihe. Chrisi war am Freitag bei seinem Freund und am Samstag; man kann es schon vermuten: auch Chrisi hat gegrillt. Chrisi spricht sehr unverständlich und unsicher. Auch er hat sich keine Gedanken darüber gemacht, was er über sein Wochenende berichten soll. Denn als er immer noch über den Samstag berichtet, sagt er, dass er wieder (!) gegrillt hat. Auf dem Spielplatz hat er einen Vogel gesehen, der nicht fliegen konnte. Den Sonntag lässt Chrisi komplett aus, ist jedoch trotzdem chronologisch mit seinem Bericht vorangegangen. Vermutlich meinte Chrisi, dass er am Samstag und Sonntag gegrillt hat, denn beim zweiten grillen benutzt er das Wort “wieder” und es ist unwahrscheinlich, dass man zwei Mal am Tag grillt. Dann hat er den Christo gesehen und war auf dem Spielplatz. Ähnlich wie Laura beendet auch Chrisi seinen Bericht mit “So, das war´s”. Er übernimmt nicht nur die Erlebnisse seiner Mitschüler in sein Wochenendbericht, sondern auch die Art, wie er sein Bericht beendet. Chrisi hat am Wochenende nur gegrillt, etwas gekauft und war auf dem Spielplatz. Die Schüler erzählen kaum etwas über Ihr Wochenende, obwohl man an zwei freien Tage jede Menge tun kann. Die Kinder machen sicherlich auch viel, jedoch erzählen sie nicht davon. Denn sie wissen, dass sie sich in der Schule befinden und man in der Schule lernt, indem man Aufgaben von der Lehrerin gestellt bekommt und diese lösen muss. Auch diesen Morgenkreis sehen die Schüler als eine Aufgabe an, die eben darin besteht, etwas von seinem Wochenenden zu erzählen. Die Kinder sollen lernen, sich auszudrücken und zuzuhören. Es findet jedoch keine Kommunikation statt, denn die Kinder erzählen oft schnell irgendetwas, übernehmen zum Teil die Geschichten ihrer Mitschüler und versuchen schnell ihre Sprecherrolle an einen anderen Schüler abzugeben. Die Schüler wissen im Sitzkreis, dass sie erzählen und fragen müssen, deswegen erzählen sie das, was sie erzählen können und übernehmen zum Teil Geschichten von ihren Mitschülern. Das ist auch in Ordnung, denn es wäre schlimm, wenn sie alles von ihrem Privatleben preisgeben würden. Lernen die Schüler überhaupt dabei ihre Mitschüler kennen und zu kommunizieren? Ich denke eher nicht. Sie fragen oft irgendetwas, zum größten Teil sinnloses, um einfach nur ihre Aufgaben zu erledigen. Es wird auch deutlich, dass Kinder in diesem Alter nicht sicher sind, welche Frage in einer bestimmten Situation sinnvoll ist. Ich möchte nicht behaupten, dass dieser Morgenkreis überhaupt keinen Sinn hat. Die Kinder lernen Sätze und Fragen zu formulieren und bereiten sich langsam auf den Unterricht vor. Aber was der eigentliche Sinn und Zweck der Sache ist, nämlich das Kommunizieren zu lernen und sich auszutauschen, wird nicht wirklich erfüllt. Dann stellt Laura eine sinnvolle Frage. Sie fragt, ob Chrisi den Vogel, der nicht fliegen konnte, mitgenommen hat. Daraufhin wird Chrisi nervös und antwortet mit einem energischen “NEEIIN!” Welches soviel wie ”Was stellst du für dumme Fragen” heißt. Es gibt drei Möglichkeiten, diese Reaktion Chrisis zu interpretieren. Entweder war auch Chrisi mit diesem Wochenenderlebnis nicht ehrlich und hat die Geschichte erfunden und er weiß nun nicht, was er antworten soll. Oder Chrisi fühlt sich schuldig, dass er den verletzten Vogel nicht mitgenommen hat. Oder er findet es absurd, einen verletzten Vogel vom Spielplatz mitzunehmen. Als Laura eine Erklärung dafür haben möchte, warum Chrisi den Vogel nicht mitgenommen hat, geht Chrisi nicht auf Lauras Frage ein. Er reagiert wieder energisch und nimmt sofort Basti dran. Basti fragt, wo er Christo gesehen hat. Daraufhin antwortet Chrisi schnell, sicher und selbstverständlich “In der Waldstraße”. Die Waldstrasse scheint jeder (oder fast jeder) in der Klasse zu kennen, denn sonst hätte Chrisi ”draußen”, ”am Spielplatz”, ”vor Christos Haus” oder ähnliches geantwortet. Die Waldstrasse befindet sich direkt neben der Schule. In dieser Straße ist auch ein großer Spielplatz. Als nächstes ist Benni an der Reihe. Benni war am Südpark Minigolf spielen, dieses Wochenenderlebnis kam glücklicherweise noch nicht vor, auch hat keiner außer Benni einen toten Igel gesehen. Doch dann ist Benni ”irgendwohin” gegangen und hat dort, es ist kaum zu glauben, einen Vogel gesehen, der nicht fliegen konnte. Danach war er bei seiner Oma. Dann fällt Laura kurz auf, weil sie Geräusche mit einer Tigerente macht. Daraufhin sagt die Lehrerin Laura, dass die Tigerente weg muss, wenn sie nicht leiser ist. Möglicherweise langweilt sich Laura im Morgenkreis, weil die Wochenendberichte fast immer dieselben sind. Nun dürfen die Schüler Benni fragen stellen. Diesmal wird jedoch nicht auf den Vogel eingegangen; weil vermutlich jeder weiß, dass Benni dieses Erlebnis von Chrisi übernommen hat, oder sie wollen oder dürfen nicht die selben Fragen stellen. Benni wird gefragt, was er bei seiner Oma gemacht hat. Daraufhin folgt ein langes Schweigen, weil Benni nicht antwortet. Vermutlich war auch Benni nicht ehrlich. Eine Schülerin unterbricht das Schweigen indem sie “weißt nicht mehr?” fragt. Sie will mit dieser Frage Benni aus der unangenehmen Situation helfen. Doch auch als Benni diesmal nicht antwortet, beantwortet die Lehrerin diese Frage für Benni (“hast sie einfach besucht”. Doch Benni schweigt weiter. Mit dem Satz “danke Benni” beendet die Lehrerin den Morgenkreis.

Erstautorin: Tuban Hasibe