Lesen durch Schreiben

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Der Begriff „Lesen durch Schreiben“ beschreibt ein 1970 von Jürgen Reichen entwickeltes Konzept zum Erstleseunterricht in der Primarstufe.


Einleitung und grundlegende Überzeugungen Reichens

Reichen sieht in der Lesekompetenz eine der wichtigsten Kulturtechniken und die Vorbedingung jeglicher Bildung. Da er aber der Ansicht ist, dass der traditionelle Erstleseunterricht im Sinne einer zugrundeliegenden Fibel die Schüler nicht mehr auf die Anforderungen an den Menschen im 21. Jahrhundert vorbereitet (bzw. vorbereiten kann), müsse folglich der Unterricht im Bereich der Didaktik zeitgemäß umgestaltet werden.

Eine weitere Basis seiner Theorie und den daraus entwickelten Konzeptionen für den Erstleseunterricht ist die Grundüberzeugung, dass das Kind aus sich heraus lernfähig ist und sich weiterentwickelt, solange man es hierbei nicht durch didaktische Maßnahmen „stört“.

Letztendlich aber steht im Zentrum der Methode seine Annahme, dass Kinder automatisch durch das Schreiben von Wörtern und Sätzen auch das Lesen bzw. jegliche Buchstaben-Laut-Zuordnungen lernen. Denn die Lesefähigkeit entwickle sich in einem unbewussten Prozess, der nicht wirklich erklärbar sei, aber in dessen Fortschritt man vertrauen könne und müsse.


Der Weg zum selbstgesteuerten Lernen – Reichens Kritik am traditionellen Fibelunterricht

Reichen definiert das Lesen als die Fähigkeit, einem Text seinen sprachlichen Sinn entnehmen zu können und das Gelesene tatsächlich zu verstehen. Aus dieser eigenen Definition heraus kritisiert er den traditionellen Leseunterricht, der oftmals hauptsächlich aus lautem Vorlesen und der Aneignung von Lesetechniken bestünde, die allerdings nicht zum Erwerb einer Lesekompetenz in seinem Sinne führe.

Laut Reichen entstünde hierbei vielmehr ein hohes Maß an Leistungsdruck, Frust, Langeweile und allgemein gesprochen eine negative Haltung gegenüber dem Lesen, die den Aufbau von Lesebarrieren als Konsequenz trägt. Lautes Vorlesen animiere die Schüler nur dazu, fehlerfrei zu lesen, jedoch nicht den Text zu verstehen. Die weit verbreitete Haltung vieler Lehrkräfte „Wer laut vorlesen kann, kann lesen und Texte verstehen“ teilt Reichen also in keinster Weise.


inhaltliche und methodische Konsequenzen für den Erstleseunterricht

Ausgehend von seiner Definition des Lesens führt Reichen drei Dimensionen an, die er als Grundlage aller Leseprozesse versteht. Demnach solle der Fokus des Erstleseunterrichts auf der Ausbildung der drei folgenden Disziplinen liegen:

Beispiel einer Anlauttabelle
  1. die Sprachkompetenz, d.h. die Erweiterung des Wortschatzes
  2. das Hintergrundwissen, d.h. die Vermittlung von Sach-/Welt-/ und Lebenskenntnissen
  3. eine Text entsprechende Intelligenz im Sinne einer intensiven Denkschulung


Umgesetzt werden sollen diese theoretischen Überzeugungen in einer Form des offenen Unterrichts, dem so genannten Werkstattunterricht. Hier wird „in längeren Zeitblöcken individualisiert und fächergemischt gearbeitet. [...] Der mündliche Unterricht entfällt fast ganz, statt dessen wird den Kindern ein vielfältiges Lernangebot unterbreitet, aus dem sie wählen können.“ (Reichen in: "Hannah hat Kino im Kopf", Seite 30)


Da Reichen wie erwähnt davon ausgeht, dass Kinder Lesen durch Schreiben lernen, lautet das vorrangige Ziel des Erstleseunterrichts, Kinder zum Verschriften zunächst phonetisch nicht aber orthografisch korrekter Begriffe zu ermutigen. Hierbei unterscheidet sich sein Konzept nun aber in sofern vom Fibelunterricht, dass es den Kindern selbst überlassen wird, welche Wörter sie schreiben möchten und somit ein individueller und selbstgesteuerter Lernprozess stattfinden kann. Die Kinder unterliegen keinem eingeschränkten Wortschatz, der zwangsläufig beim Arbeiten mit einer Fibel entstünde, sondern können vielmehr eigene Ideen und Begriffe einbringen. Durch diese gewährleistete Selbststeuerung erhöhe sich schließlich die Schreib- und somit auch Lesefreude der Kinder deutlich, so Reichens Schlussfolgerung.

Zur praktischen Umsetzung dieses selbstgesteuerten Lernens erhält jedes Kind der Klasse eine so genannte Anlauttabelle mithilfe derer die Schüler ihre Wörter bilden und verschriften können.


Quellen

Reichen, J. (2001): Hannah hat Kino im Kopf. Hamburg: Heinevetter-Verlag.

http://www.lehrer-online.de/lesen-durch-schreiben.php

http://www.lehrer-online.de/dyn/bin/481693-481702-1-projektbeschreibung_lesen_durch_schreiben.pdf

http://www.heinevetter-verlag.de/05/hannah.htm